Beim Thema Gefühle: Kinder lernen sie nicht von allein, sondern an Ihrer Seite. Kinder brauchen Worte für das, was sie spüren, einen Erwachsenen, der diese Worte anbietet, und ruhige Momente zum Üben. Ein selbst gebasteltes Gefühlsrad, ein paar Hinweise aus dem Körper und je ein kleines Beruhigungswerkzeug für jedes Gefühl reichen für den Anfang. Sie brauchen dafür kein Programm und keine Vorkenntnisse: Wenn Sie ein Gefühl falsch erraten, korrigiert Ihr Kind Sie oft selbst, und genau daraus entsteht das Gespräch.
Kurz gesagt:
- Erst das Gefühl benennen, dann das Problem lösen.
- Ein Gefühlsrad gibt Kindern mehr Wörter als „gut“ und „schlecht“.
- Verbinden Sie jedes Gefühl mit Körperzeichen und einem Beruhigungswerkzeug.
- Üben Sie, wenn alle ruhig sind, nicht mitten im Wutanfall.
- Sprechen Sie mit der Kinderarztpraxis, wenn starke Gefühle den Alltag dauerhaft stören.

In diesem Artikel · 9 Min. Lesezeit
- Gefühle: Kinder in vier Schritten begleiten
- Ein Gefühlsrad in 10 Minuten selbst basteln
- So nutzen Sie das Gefühlsrad im Alltag
- Was ist in welchem Alter realistisch?
- Fünf Spiele für zwischendurch
- Was Sie sagen können und was Sie besser lassen
- Wo ein Buch helfen kann
- Wann Sie fachlichen Rat suchen sollten
- Häufige Fragen
- Quellen
Emotionale Entwicklung besteht aus drei Schritten: ein Gefühl bemerken, ein Wort dafür finden und entscheiden, was man damit tut. Das Portal kindergesundheit-info.de nennt vier Grundfähigkeiten, die Kinder bis zum Schulalter aufbauen: die eigenen Gefühle wahrnehmen, sie durch Mimik und Sprache ausdrücken, sie selbst regulieren und die Gefühle anderer erkennen und verstehen (kindergesundheit-info.de). Diese Fähigkeiten entwickeln sich Schritt für Schritt, und Kinder lernen sie nur mit Unterstützung.

Gefühle: Kinder in vier Schritten begleiten
Die vier Schritte passen in eine Minute. Wichtiger als die genauen Worte ist die Reihenfolge.
- Bemerken. Achten Sie im Lauf des Tages auf Gefühle, am besten, solange sie noch klein sind. Die Gesundheitsbehörde CDC empfiehlt, Mimik und Körpersprache Ihres Kindes bei verschiedenen Gefühlen kennenzulernen, denn kleine Signale sind leichter aufzugreifen als ein großer Ausbruch (CDC, auf Englisch).
- Benennen. Sagen Sie das Gefühl laut und mit einfachen Worten: „Du siehst enttäuscht aus.“ Raten Sie ruhig, auch wenn Sie nicht sicher sind. Wenn Ihr Kind Sie korrigiert, versuchen Sie es noch einmal. Das Familienhandbuch empfiehlt, Gefühle zu benennen statt zu bewerten, etwa: „Du bist enttäuscht, weil das nicht geklappt hat.“
- Annehmen. Das Gefühl darf sein, auch wenn das Verhalten nicht in Ordnung ist. Das CDC fasst es so zusammen: Alle Gefühle sind in Ordnung, nicht alle Verhaltensweisen. Sie müssen nicht einverstanden sein, um ein Gefühl anzunehmen, und die Aufforderung, etwas nicht zu fühlen, zeigt dem Kind nicht, dass Sie es verstehen.
- Werkzeug wählen. Erst jetzt geht es um das Tun: einmal tief atmen, eine Umarmung, ein Bild malen, ein Spaziergang. Wer zu früh zu Lösungen springt, übergeht das Gefühl leicht und kann die Lage sogar verschärfen.
Ein Wort zum Zeitpunkt: Mitten in einem heftigen Wutausbruch geht es zuerst um Sicherheit und Nähe. Reden und Erklären kommen danach, wenn Sie beide wieder ruhig sind. Das Familienhandbuch spricht von Co-Regulation: Je ruhiger das Gegenüber, desto leichter fällt es dem Kind, sich zu beruhigen (Familienhandbuch). Wenn Sie selbst eine Pause brauchen, kann sie nach Angaben des CDC schon drei tiefe Atemzüge lang sein.
Ein Gefühlsrad in 10 Minuten selbst basteln
Fertige Gefühlsräder gibt es überall, aber ein selbst gemachtes ist oft besser, weil Ihr Kind mitbaut. Das Projekt Making Caring Common der Harvard-Universität erklärt, dass ein Gefühlsrad Wörter für einfache und für komplexere Gefühle liefert und hilft, ähnliche Gefühle zu unterscheiden, etwa traurig und enttäuscht oder frustriert und wütend (Making Caring Common, auf Englisch). Die Seite empfiehlt es für Kinder vom Kindergarten bis zur Oberstufe, es wächst also mit Ihrem Kind mit.
So geht es:
- Zeichnen Sie einen großen Kreis auf Papier oder einen Pappteller und teilen Sie ihn in sechs Stücke.
- Schreiben Sie in jedes Stück ein Grundgefühl; Ihr Kind malt ein Gesicht und sucht eine Farbe aus.
- Ergänzen Sie am Rand jedes Stücks zwei oder drei genauere Wörter.
- Hängen Sie das Rad auf Augenhöhe Ihres Kindes auf, im Kinderzimmer oder in der Küche.
Hier eine Startversion. Passen Sie sie an Ihr Kind an, und verstehen Sie die Körperzeichen als häufige Hinweise, nicht als Regeln:
| Grundgefühl | Genauere Wörter | Körperzeichen, die auffallen können | Ein Werkzeug zum Ausprobieren |
|---|---|---|---|
| Freude | stolz, aufgeregt, dankbar | Lächeln, Hüpfen, lockere Schultern | jemandem erzählen, malen, in eine „Das habe ich geschafft“-Liste schreiben |
| Traurigkeit | enttäuscht, einsam, ausgeschlossen | Tränen, Stille, schwerer Körper | Umarmung, Musik, ein Gefühlstagebuch |
| Wut | frustriert, genervt, neidisch | gerunzelte Stirn, geballte Fäuste, laute Stimme, heißes Gesicht | langsam atmen, bewegen, eine Ruheecke |
| Angst | besorgt, schüchtern, nervös | weit offene Augen, Zittern, Bauchweh, Anklammern | atmen, ein Kuscheltier, über das „Was wäre, wenn …“ sprechen |
| Überraschung | verwirrt, erstaunt, erschrocken | Zusammenzucken, Erstarren, große Augen | eine Pause, dann „Was war das?“ |
| Ruhe | entspannt, sicher, zufrieden | langsame Atmung, lockerer Körper | gemeinsam bemerken: „Wie fühlt sich Ruhe an?“ |
Das Familienhandbuch nennt für die Beruhigung Beispiele, die Kinder gemeinsam mit den Eltern finden können: ein Kissen boxen, Musik hören oder eine Pause machen. Auch das Child Mind Institute weist darauf hin, dass das Bemerken körperlicher Empfindungen Kindern hilft herauszufinden, was sie fühlen (Child Mind Institute, auf Englisch).
So nutzen Sie das Gefühlsrad im Alltag
Ein Rad an der Wand allein bewirkt nichts. Diese Gewohnheiten machen es nützlich:
- Ein fester Zeitpunkt. Frühstück oder Schlafenszeit eignen sich gut. Fragen Sie: „Wie ist dein Gefühlswetter heute?“ Ihr Kind zeigt zuerst, die Worte kommen später.
- Gemeinsam raten. „Ist es eher Sorge oder eher Aufregung?“ Zwei oder drei Auswahlmöglichkeiten sind leichter als die offene Frage „Wie fühlst du dich?“
- Eine Zahl dazu. Das Child Mind Institute schlägt vor, Kinder ein Gefühl auf einer Skala von 1 bis 10 einschätzen zu lassen und selbst ein Beispiel zu geben: „Ich bin ein bisschen ängstlich, vielleicht eine 6.“
- Eigene Gefühle benennen. Sagen Sie, was Sie fühlen und was Sie tun: „Ich bin genervt, ich atme jetzt dreimal tief durch.“ Das Familienhandbuch betont, dass Kinder vor allem durch das Verhalten ihrer Bezugspersonen lernen, weniger durch Erklärungen.
- Werkzeuge in ruhigen Momenten wählen. Suchen Sie gemeinsam aus, was bei Wut, Traurigkeit oder Überdrehtheit hilft, und erinnern Sie später daran.
- Kurz und regelmäßig. Zwei Minuten am Tag sind besser als ein langes Gespräch einmal im Monat. Trösten Sie mit Nähe statt mit Ablenkung; so rät es das Familienhandbuch.
Was ist in welchem Alter realistisch?
Jedes Kind ist anders, nehmen Sie die Tabelle als grobe Orientierung. Nach dem Familienhandbuch sprechen Kinder zwischen 3 und 6 Jahren mehr über ihre Gefühle und beruhigen sich zunehmend selbst, während die Impulse stark bleiben; zwischen 6 und 10 Jahren beschreiben sie Gefühle differenzierter, brauchen aber weiterhin Begleitung. Kindergesundheit-info.de erinnert außerdem daran, dass Kinder auch im Schulalter noch Trost und Beruhigung brauchen.
| Alter | Was am meisten hilft | Ideen zum Ausprobieren |
|---|---|---|
| Etwa 3 bis 5 Jahre | Gesichter und Bilder, vier bis sechs Grundgefühle, ein Erwachsener in der Nähe | Grimassen im Spiegel, Bilderbücher, ein Rad aus Zeichnungen |
| Etwa 6 bis 8 Jahre | Genauere Wörter, Körperzeichen, die Skala von 1 bis 10 | Gefühle-Pantomime, ein Gefühl malen, die tägliche Gefühlsrunde |
| Etwa 9 bis 12 Jahre | Gemischte Gefühle, Ursachen, selbst gewählte Strategien | ein privates Tagebuch, Musik oder Malen, der Satz „Ich fühle … weil …“ |
Fünf Spiele für zwischendurch
Der Elternratgeber elternwissen.com nennt mehrere Spiele, die Kinder Gefühle erkennen lassen. Hier die Ideen für fünf Minuten:
- Grimassen im Spiegel. Machen Sie ein Gesicht und benennen Sie es gemeinsam, abwechselnd.
- Gefühle-Pantomime. Eine Person spielt ein Gefühl vom Rad ohne Worte vor, die andere rät, dann wird getauscht.
- Geschichten-Pause. Halten Sie beim Vorlesen an: „Wie fühlt sich die Figur gerade? Was könnte ihr helfen?“
- Stimmungsbarometer. Das Kind wählt die Karte oder die Farbe zu seiner Stimmung und hängt sie an die Kinderzimmertür, zum Beispiel in einer Klarsichthülle.
- Kuscheltier-Gespräch. Das Kind erzählt dem Lieblingstier, was es fühlt. Manche Kinder sprechen so leichter als mit Erwachsenen.
Was Sie sagen können und was Sie besser lassen
Gute Sätze müssen nicht perfekt sein. Hier einige Austausche:
| Statt | Besser |
|---|---|
| „Hör auf zu weinen, ist doch nichts.“ | „Du siehst richtig traurig aus. Ich bin da.“ |
| „Stell dich nicht so an, das ist nicht schlimm.“ | „Das war erschreckend. Welcher Teil war am schlimmsten?“ |
| „Beruhige dich!“ | „Wollen wir dreimal langsam zusammen atmen?“ |
| „Du übertreibst.“ | „Das ist ein großes Gefühl. Ist es eine 3 oder eine 9?“ |
| „Hau deinen Bruder nicht.“ | „Du darfst wütend sein. Hauen ist nicht in Ordnung. Was kannst du stattdessen tun?“ |

Wo ein Buch helfen kann
100 Wege zur Unterstützung von Kindern mit ADHS und ADS von Magda Pabst ist ein praktisches Übungsbuch mit 100 Spielen, Übungen und Strategien für Eltern und Lehrkräfte von Kindern im Alter von etwa 3 bis 12 Jahren. Das Kapitel über emotionale Unterstützung passt zu diesem Artikel: aktives Zuhören mit offenen Fragen, Gefühle anerkennen und dabei vom Verhalten trennen, ein privates Gefühlstagebuch sowie Malen und Musik als Ausdruck. Weitere Kapitel bringen eine Atemübung mit dem Bild eines Luftballons (4 Zählzeiten ein, 6 aus), eine ruhige Ecke mit klaren Regeln und einem kurzen Gespräch danach sowie die „Ampel“-Technik zum Anhalten und Nachdenken.
Das Buch ist für Kinder mit ADHS oder ADS geschrieben. Man kann sich solche Ideen aber auch ohne Diagnose abschauen, und da jedes Kind anders ist, wählen Sie, was zu Ihrem passt. Es ist kein medizinisches Buch, stellt keine Diagnosen und ersetzt keine fachliche Beratung.
Wann Sie fachlichen Rat suchen sollten
Mit großen Gefühlen zu ringen gehört zum Aufwachsen dazu. Sprechen Sie mit der Kinderarztpraxis, wenn:
- die Gefühle sehr heftig, sehr häufig oder sehr lang sind;
- Ihr Kind oft über Bauchschmerzen klagt, schlecht schläft oder bei Kummer immer wieder die Schule meiden will;
- Ihr Kind Dingen, die ihm früher Freude gemacht haben, nicht mehr nachgeht;
- Sie sich um Ihr Kind oder um sich selbst Sorgen machen.
Wenn Ihr Kind davon spricht, sich etwas anzutun, holen Sie sofort Hilfe. Im internationalen Verzeichnis findahelpline.com finden Sie Hilfetelefone in vielen Ländern.
Weitere Ideen finden Sie in unseren Ratgebern zur Ruheecke für Kinder, zu Wutanfällen bei Kindern und zum Belohnungssystem für Kinder. Mehr Artikel finden Sie im Books-Go-Blog, mehr Bücher auf der Startseite von Books Go Publications.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter kann ich mit meinem Kind über Gefühle sprechen?
Von Anfang an, nur in einfachen Worten. Babys zeigen Freude, Ärger und Traurigkeit, und je älter das Kind wird, desto genauer können Sie benennen, was Sie sehen. In jedem Alter zählt Ihr Beispiel genauso viel wie Ihre Worte.
Funktioniert ein Gefühlsrad auch bei kleinen Kindern?
Ja, wenn es einfach bleibt. Harvard empfiehlt das Rad vom Kindergarten an; für die Jüngsten nehmen Sie lieber Bilder und Gesichter statt langer Wortlisten und bleiben neben dem Kind, während es zeigt.
Was, wenn mein Kind „Weiß nicht“ sagt?
Das ist eine normale Antwort. Bieten Sie zwei oder drei Vermutungen an, zeigen Sie auf ein Körperzeichen („Deine Fäuste sehen fest aus“) oder lassen Sie es auf das Rad zeigen. Nach dem CDC sind Worte nicht immer nötig: Auch neben dem Kind zu sitzen zeigt, dass Sie es verstehen.
Darf mein Kind wütend sein?
Ja. Es darf die Wut fühlen, und Sie setzen Grenzen für das, was es damit tut. „Du darfst wütend sein, aber nicht hauen“ erlaubt das Gefühl und gibt zugleich eine klare Regel für das Verhalten.
Wie lange dauert es, bis sich etwas ändert?
Es gibt keine feste Zeitspanne, und keine Methode wirkt bei jedem Kind gleich. Kurzes, regelmäßiges Üben über Wochen und Monate ist realistischer als eine schnelle Veränderung, und schwierige Tage wird es trotzdem geben.
Hilft das auch einem Kind mit ADHS?
Es kann ein Teil der Unterstützung sein, neben Routinen, Schlaf, Bewegung und der Beratung durch die Kinderärztin oder den Kinderarzt. Gefühle zu benennen und Beruhigungswerkzeuge vorab zu vereinbaren kann nützlich sein, ersetzt aber keine fachliche Beratung.
Quellen
- Emotionale Entwicklung des Kindes, kindergesundheit-info.de
- Emotionsregulation bei Kindern, Familienhandbuch
- Soziale Kompetenz: So lernt Ihr Kind, Gefühle besser wahrzunehmen, elternwissen.com
- Feelings Wheel, Making Caring Common, Harvard Graduate School of Education (auf Englisch)
- Tips for Noticing and Naming Emotions, Centers for Disease Control and Prevention (auf Englisch)
- Understanding Feelings and Emotions for Kids, Child Mind Institute (auf Englisch)
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt nicht den Rat einer Ärztin, eines Arztes, einer Therapeutin, eines Therapeuten oder einer anderen Fachperson.



